Gerade bei den Gastarbeitern misslang die Integration häufig.
Gerade bei den Gastarbeitern misslang die Integration häufig. © geralt / pixabay.com

Hörspiel

Björn Bicker: Güldens Schwester

Fatma Inan ist Güldens Schwester und damit Protagonistin und Icherzählerin des gleichnamigen Hörspiels von Björn Bicker. An der Schule, wo sie als Lehrerin arbeitet, wird sie Zeugin eines Mordes. Ein Junge ersticht seinen Mitschüler mit einem Messer.

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Durch dieses traumatische Erlebnis beginnt ein innerer Monolog. Gesprochen von Meriam Abbas bildet dieser den Mittelpunkt des Hörspiels. Fatmas Gedanken über die Gewalttat entwickeln sich zu einem Überdenken ihrer Position als Lehrerin und ihrem Selbstverständnis über ihre migrantisch geprägte Biografie.

Viel denkt sie über ein anderes traumatisches Erlebnis nach. Die Trauer über den vor Jahren passierten tödlichen Unfall ihrer Schwester Gülen wurde in ihrer Familie nie richtig aufgearbeitet. Auch die Erinnerung an ihre Mutter, die mit 20 Jahren 1978 vom Schwarzen Meer nach Deutschland zog, um dort Fatmas Vater zu heiraten, bewegt sie sehr. Obwohl sie 40 Jahre lang in Dortmund lebte, konnte sie bis an ihr Lebensende kaum Deutsch sprechen.

Das Bildungssystem ist, was Migrationsdebatten angeht, besonders umkämpft. Das Stück macht deutlich, dass sich Fatma als Lehrerin weder auf ihren Beruf noch auf ihre Herkunft reduzieren lässt. Sie offenbart sich den Hörer_innen als eine vielschichtige Frau mit klarem Standpunkt und inneren Brüchen und Verletzungen.

Besonders sticht das Stück durch die Thematisierung der Sprache und Kommunikation hervor. Fatma sagt, ihre Mutter hätte sich zwar nicht mit den Dingen ausgekannt, die sie interessieren, wie Bücher, Popmusik, Kickboxen, Spanisch, Foodblogs oder Reisen, aber sie hat immer gefragt. Immer hat sie sich dafür interessiert und beim Zuhören hatte sie die Augen zu. Alles hat sie ihr auf türkisch erzählt, mit einem wundervollen, warmen, lustigen und beweglichen Klang, welchen Fatma von ihren Eltern lernte.

Björn Bicker setzt den Vorurteilen der weißen Mehrheitsgesellschaft ein kenntnisreiches und empathisches Porträt der wirklichen Diversität Deutschlands entgegen. So wird auch der Grund deutlich, warum Fatmas Mutter kein Deutsch konnte. Durch die kolonialen Muster in der deutschen Arbeitsmigrationspolitik wurde die Integration der Gastarbeiter_innen aktiv verhindert, obwohl viele das heute anders darstellen wollen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Hörspielen in Deutschland wurde bei diesem Stück auf adäquate Diversität geachtet. Das Stück hält dabei ein, was es predigt und wirkt selbst als affirmative action.

"Björn Bicker: Güldens Schwester" im Überblick

Björn Bicker: Güldens Schwester

von Björn Bicker

Produktion: 2020

Sendezeit So, 31.10.2021 | 17:04 - 18:00 Uhr
Sendung WDR 5 "Das Hörspiel am Sonntag"
Radiosendung

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