Als Kind schon träumte Nancy von afrikanischen Trommeln.
Als Kind schon träumte Nancy von afrikanischen Trommeln. © Rolf Handke / PIXELIO

HörspielKlangkunst

Karl Bruckmaier: "Nancys Negro"

Auf Fotos lächelt Nancy Cunard nicht. Stattdessen blickt sie voller Verachtung in das dekadente Gesicht einer verdorbenen Welt. Sie kennt die hässliche Fresse des Großkapitals nur zu gut, schließlich kommt sie aus dem reichen Haushalt der Cunard, den sie schon als Kind widerlich fand und verließ.

Schließlich flieht sie vor dieser Welt nach Paris. Dort kommt sie im Avantgarde-Zirkel von Man Ray, Samuel Beckett, Aldous Huxley, Tristan Tzara oder James Joyce an. Der von ihr gegründete Verlag "The Hours Press" wird später auch von ihnen Werke herausbringen. In Venedig hört sie einer dort gestrandeten Jazz-Kapelle namens "Eddie South’s Alabamians" zu. Der Pianist Henry Crowder hat es ihr angetan. Es beginnt eine lange Beziehung, sowohl in der Liebe als auch der Arbeit.

Auch wenn sie selbst weiß ist, träumte sie schon als Kind von Afrika. Zum Klang der Trommeln und in der Energie des Tanzes fand sie sich wieder. So ist sie erst von der Kunst und Kultur Afrikas fasziniert, lernt dann aber durch ihren afroamerikanischen Mann auch die politische Seite schwarzer Identität kennen. Sie bekommt mit, wie weit verbreitet der Rassismus in den USA und Europa wirklich ist.

So entschließt sich die bekennende Salon-Kommunistin dazu, ein Standardwerk über schwarze Kultur in Amerika, Europa, den West Indies und Afrika zusammen zu stellen, welches den Weißen klar machen sollte, dass es mit ihrer Überheblichkeit jetzt zu Ende ist. Dafür jagt sie jahrelang mehrmals um die Welt nach Texten und Bildern, was sie finanziell an den Abgrund bringt. Unter dem Titel "Negro. An Anthology" erscheint 1934 letztendlich ihr für viele zu dickes, zu teures und zu radikales Lebenswerk. Im Zweiten Weltkrieg ist die Erstauflage durch die Bomben der Nazis fast vollständig in Flammen aufgegangen.

Heute wirkt das Buch wie das erste Punk-Fanzine über Musik- und Kulturgeschichte. Willkürliche Ordnungsprinzipien, ständig wechselnde Qualität der Texte und völlig überfüllte Materialanzahl überfordern die Lesenden damals wie heute. Herbst 2020 erscheint die deutsche Ausgabe bei edition.kursbuch von Karl Bruckmaier . Dabei traf er eine Auswahl der Texte, der einen Einblick in die Welt vor einhundert Jahren gewährt. Sie zeigt den Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung, der bis heute anhält.

In "Nancys Negro" lassen sich Texte, gebildete Analysen, Erfahrungsberichte, Spirituals, Pamphlete und nie aufgenommene Bluesnummern von mehr als einem Dutzend Autor_innen finden, die überwiegend aus der Harlem Renaissance stammen. Sie werden ergänzt durch die Musik von Elliott Sharp und die Stimmen von Tracie Morris und Mykel Banks.

"Karl Bruckmaier: "Nancys Negro"" im Überblick

Karl Bruckmaier: "Nancys Negro"

von Karl Bruckmaier

Produktion: 2020

Sendezeit Fr, 18.09.2020 | 21:05 - 22:30 Uhr
Sendung Bayern 2 "Hör!spiel!art.mix"
Radiosendung

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