
Kultur & Gesellschaft
Der Staat der Industriegesellschaft – Ein Nachruf
Knappe Finanzmittel, immense Bedürfnisse: Der wohlfahrtsstaatliche Apparat befindet sich in einer ernsthaften Misere. Ist es an der Zeit, das Konzept des Wohlfahrtsstaates hinter uns zu lassen? Doch wie würde eine Welt am Ende dieser Transformation aussehen? Welche Möglichkeiten gibt es abseits von Pessimismus und Sarkasmus?
Im Verlauf von Industrialisierung und Verstädterung wurden Familien, Gemeinschaften und kirchliche Hilfsorganisationen schließlich mit der Verantwortung überlastet, die Grundversorgung und den Schutz vor existenziellen Gefahren sicherzustellen. Der Staat der industriellen Ära erwarb – nicht ohne den Einfluss sozialer Konflikte – seine Existenzberechtigung dadurch, dass er nun für jene Belange sorgte, die von familiären Strukturen und bürgerlicher Wohltätigkeit allein nicht mehr bewältigt werden konnten.
Von den kommunalen Sozialstrukturen der Kaiserzeit über die Anfänge des Sozialstaats in der Weimarer Periode bis hin zu den "Goldenen Siebzigern" wurden Systeme zur Bereitstellung von Bildung, Gesundheit und Verkehr eingerichtet. Was einst Nächstenliebe und Gemeinschaftsgeist waren, entwickelte sich zu einem anerkannten Rechtsanspruch – jedoch funktionierte dies nur, weil die vorindustriellen Ansichten langsam an Bedeutung verloren.
Aufgrund des Drucks durch die Globalisierung und eines stagnierenden Wirtschaftswachstums werden zahlreiche dieser sichernden Strukturen – wie städtische Kliniken, kulturelle und sportliche Einrichtungen sowie andere Infrastrukturkomponenten – abgebaut oder in private Hände gegeben. Der Staat in seiner Verschuldung kann diese Lasten nicht mehr schultern. Zudem führt der marktorientierte Individualismus dazu, dass gemeinschaftliches Denken und Verantwortungsbewusstsein schwinden. Rechtliche Ansprüche wirken emotionsloser als persönliche Fürsorge.
Hierdurch entstehen neue soziale Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, und die Vorstellung, dass das Wohl der Bürger nicht in die Hände finanzieller Interessen fallen darf, wird als konservativ oder gar extrem angesehen. Zudem wächst die Erkenntnis, dass sich nun jeder selbst versorgen muss.
Der 1945 geborene Mathias Greffrath ist ein Soziologe und Journalist mit Wohnsitz in Berlin. Er arbeitet für Medien wie die "taz", die "ZEIT" und den Rundfunk. In den vergangenen Jahren hat er sich intensiv in seinen Essays, Hörspielen und Kommentaren mit den gesellschaftlichen und kulturellen Effekten von Globalisierung und Klimawandel auseinandergesetzt.
Der Staat der Industriegesellschaft – Ein Nachruf im Überblick
| Sendezeit | So, 09.03.2025 | 09:30 - 10:00 Uhr |
| Sendung | Deutschlandfunk "Essay und Diskurs" |