Kultur & Gesellschaft
Flurfunk Geschichte Folgen
Wir sind Daniel und Solveig und begeistern uns für Geschichte. Wir haben lange zusammen im Museum gearbeitet und Führungen gemacht. Im Mittelpunkt unserer Folgen stehen Menschen, ihre Lebenswelt und die Frage, warum sich unsere Sicht auf frühere Epochen immer wieder verändert. Jeden Monat erzählen wir Euch eine unserer Lieblingsgeschichten. Dir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns auch über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichte Oder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steadyhq.com/de/flurfunk-geschichte/ Für deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge. Links: Unsere Website: flurfunk-geschichte.de Podcast und Videos auf unserem Youtube-Kanal Instagram - facebook - threads Email: kontakt@flurfunk-geschichte.de
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Folge vom 08.10.2026FG075 - Katholischer als der Papst? Marcel Lefebvre und die PiusbrüderAm 1. Juli 2026 weihte die Piusbruderschaft in Écône vier neue Bischöfe – gegen den ausdrücklichen Wunsch von Papst Leo XIV. Einen Tag später erklärte der Vatikan alle Geistlichen der Bruderschaft für exkommuniziert. Für uns der Anlass zu fragen: Wer war eigentlich der Mann, dessen Name diese Gemeinschaft bis heute trägt, und wieso hält eine Gruppe von Katholiken es für ihre Pflicht, sich gegen den eigenen Papst zu stellen? Wir schauen uns an, was ein Schisma im Kirchenrecht überhaupt bedeutet, blicken zurück auf frühere Kirchenspaltungen von Chalcedon bis Avignon – und erzählen die Geschichte von Marcel Lefebvre, der als angesehener Konzilsvater begann und als Anführer der wohl bekanntesten traditionalistischen Abspaltung der katholischen Kirche endete. Geht es dabei wirklich nur um die lateinische Messe? Und was verbindet die Ereignisse von 1988 mit dem, was gerade erst wieder passiert ist?Was ist ein Schisma? Von Chalcedon bis AvignonBevor es um Lefebvre geht, klären wir den Begriff: Ein Schisma (griech. „Spaltung") tritt automatisch ein, sobald jemand ohne päpstliche Erlaubnis Bischöfe weiht – die sogenannte Tatstrafe (ipso facto) der Exkommunikation, die das kanonische Recht vorsieht. Wir blicken zurück auf frühere große Spaltungen: das Konzil von Chalcedon (451), das morgenländische Schisma von 1054 zwischen Rom und Konstantinopel (formal erst 1965 durch Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. beigelegt, eine gemeinsame Eucharistiefeier gibt es bis heute nicht) sowie das abendländische Schisma (1378–1417) mit zeitweise drei rivalisierenden Päpsten in Rom, Avignon und Pisa, beendet durch das Konzil von Konstanz. Die Reformation selbst nennt man aus katholischer Sicht meist nicht „Schisma", sondern spricht von Konfessionalisierung – Antwort darauf ist das Konzil von Trient, das nicht nur die protestantische Lehre verurteilt, sondern 1570 unter Pius V. auch den einheitlichen römischen Messritus festlegt, der später zum Zankapfel wird.Kulturkampf, Laizismus und die Wurzeln des katholischen TraditionalismusDie Französische Revolution und die Säkularisierung prägen im 19. Jahrhundert eine katholische „Selbstvergewisserungsphase" – Marien-Dogmen, Kulturkampf, Prozessionen, das Verhältnis Pius' IX. zum italienischen Risorgimento. In Frankreich verschärft sich der Konflikt: Die Dreyfus-Affäre (1894) entzweit das Land, 1905 wird mit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat die Trennung von Kirche und Staat radikal vollzogen – Kirchenbesitz wird enteignet, Orden aufgelöst, Religionsunterricht verboten. Pius X. verurteilt das in seiner Enzyklika Vehementer Nos. In diesem Klima entsteht die Action Française um den agnostischen Schriftsteller Charles Maurras: eine monarchistische, integralistische und explizit antisemitische Bewegung, die die gesamte Gesellschaft der kirchlichen Autorität unterstellen will.Marcel Lefebvre: Herkunft und früher WerdegangMarcel Lefebvre wird am 29. November 1905 in Tourcoing geboren, als eines von acht Kindern einer frommen, großbürgerlichen Textilfabrikantenfamilie. Sein Vater René engagiert sich im Zweiten Weltkrieg in der Résistance, verhilft Juden zur Flucht, wird 1941 verhaftet und stirbt 1944 im KZ Sonnenburg – in seinem letzten Brief bekennt er sich als „französischer Katholik und Monarchist", der nur in christlichen Monarchien Frieden für möglich hält. Lefebvre selbst studiert 1923–1930 am französischen Priesterseminar in Rom, geprägt von einem Rektor aus der antiliberalen, antimodernistischen und antikommunistischen Tradition der Action Française. Er tritt den Spiritanern (Kongregation vom Heiligen Geist) bei, ist Missionar in Gabun, wird Erzbischof von Dakar (1955–1962) und schließlich Generaloberer der Spiritaner (1962–1968).Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965)Nach dem Tod Pius' XII. 1958 wählt das Konklave den greisen Patriarchen von Venedig, Angelo Giuseppe Roncalli, als vermeintlichen Übergangspapst Johannes XXIII. – Namensgeber des Zirkus Roncalli. Überraschend kündigt er ein Konzil an; in seiner Eröffnungsrede Gaudet Mater Ecclesia setzt er auf das „Heilmittel der Barmherzigkeit" statt auf Verurteilung. Lefebvre sitzt in der Vorbereitungskommission und erwartet ein zügiges Abnicken der vorbereiteten Texte – doch gleich am ersten Sitzungstag durchkreuzen Kardinal Achille Liénart (Lille) und Kardinal Josef Frings (Köln, mit seinem jungen theologischen Berater Josef Ratzinger) diesen Plan, indem sie mehr Bedenkzeit bei der Kommissionsbesetzung verlangen. Für Lefebvre ist das eine „bestürzende Verschwörung". Zentrale Streitpunkte werden später die Kollegialität der Bischöfe in Lumen Gentium und vor allem Nostra Aetate, das den Dialog mit Judentum und Islam sucht und die ältere Formel extra ecclesiam nulla salus relativiert. Trotz aller Kritik unterschreibt Lefebvre am Ende sämtliche Konzilsdokumente.Bruch mit Rom: Das Schisma von 19881968 verlässt Lefebvre die Spiritaner, die die Konzilsreformen umsetzen wollen, und geht in die Schweiz nach Fribourg. 1970 gründet er dort mit bischöflicher Erlaubnis die Priesterbruderschaft St. Pius X., das Seminar zieht bald ins größere Écône im Wallis um (später kommen weitere Standorte hinzu, darunter Zaitzkofen in Bayern). 1974 veröffentlicht Lefebvre eine „Erklärung", in der er sich zum „ewigen Rom" bekennt, die nachkonziliaren Reformen aber als „vergiftet" und „häretisch" verwirft. Rom reagiert: 1975 wird ihm die Anerkennung entzogen, 1976 wird er suspendiert. Kardinal Ratzinger sucht als Präfekt der Glaubenskongregation die Versöhnung, 1987 findet eine Apostolische Visitation in Écône statt. Ein Protokoll vom 5. Mai 1988 soll die Rückkehr regeln – Lefebvre zieht seine Zustimmung aber zurück. Am 30. Juni 1988 weiht er ohne päpstliche Erlaubnis vier Bischöfe: Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Alfonso de Galarreta und Richard Williamson. Johannes Paul II. bestätigt die automatische Exkommunikation im Motu proprio Ecclesia Dei – mit dem zugleich die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei für versöhnungswillige Traditionalisten entsteht. Solche sammeln sich in der Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP).Benedikt XVI. und der Fall WilliamsonAls Papst Benedikt XVI. sucht Ratzinger 2007 mit Summorum Pontificum einen Ausgleich: Der alte Ritus wird als „außerordentliche Form" desselben römischen Ritus neben dem Novus Ordo wieder erlaubt. Daran entzündet sich eine Debatte um die Karfreitagsfürbitte für die Juden. 2009 hebt Benedikt die Exkommunikation der vier 1988 geweihten Bischöfe auf – zeitgleich wird ein Interview publik, in dem Richard Williamson den Holocaust leugnet. Williamson eckt auch innerhalb der Piusbruderschaft an, wird 2012 wegen Ungehorsams ausgeschlossen und gründet eine eigene, noch radikalere Abspaltung. Ein neues SchismaUnd dann wiederholt sich die Geschichte: Am 1. Juli 2026 weiht die Piusbruderschaft erneut ohne Mandat vier Bischöfe in Écône – trotz eines persönlichen Appells von Papst Leo XIV. Am 2. Juli erklärt das vatikanische Dikasterium für die Glaubenslehre unter Kardinal Víctor Manuel Fernández alle Kleriker der Bruderschaft für exkommuniziert, diesmal ausdrücklich auch Laien, die sich formell der Gemeinschaft zugehörig fühlen – eine Verschärfung gegenüber 1988. Marcel Lefebvre | Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X., zentrale Figur der FolgeCharles Maurras / Action Française | Ideelle Prägung Lefebvres: monarchistisch-integralistische BewegungJohannes XXIII. | Einberufer des Zweiten Vatikanischen KonzilsJosef Ratzinger / Benedikt XVI. | Konzilsberater, später Glaubenspräfekt, sucht Versöhnung mit der PiusbruderschaftJohannes Paul II. | Bestätigt 1988 die Exkommunikation Lefebvres (Ecclesia Dei)Franz Schmidberger | Lefebvres Nachfolger als Generaloberer, Autor der „Zeitbomben des Konzils"Richard Williamson | 1988 mitgeweihter Bischof, später wegen Holocaustleugnung und Ungehorsams im Zentrum weiterer Skandale/SpaltungenDavide Pagliarani | Aktueller Generaloberer der PiusbruderschaftPriesterbruderschaft St. Pius X. (SSPX) | Von Lefebvre 1970 gegründete traditionalistische GemeinschaftPriesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) | 1988 gegründete Abspaltung, die in Gemeinschaft mit Rom bliebÉcône | Priesterseminar der Piusbruderschaft im WallisZweites Vatikanisches Konzil | Zentraler Streitpunkt der gesamten FolgeNostra Aetate | Konzilserklärung zum Verhältnis zu anderen ReligionenSummorum Pontificum | Benedikts XVI. Motu proprio zur Zulassung des alten Ritus (2007)Verwandte FolgenFG014 – Inquisition | Ketzer sind Vegetarier! und FG015 – Inquisition | Sie meinen es doch gut!: Referenzpunkt für den Vergleich, wie die Kirche früher „wahren Glauben" geprüft hat.FG037 – Der Nonnen-Fähnrich: Hintergrund zu Papst Urban VIII., der in dieser Folge kurz aufgegriffen wird.FG052 – Konklave – Machtkampf und Heiliger Geist: Für alle, die nach dieser Folge verstehen wollen, wie eigentlich ein Papst gewählt wird.FG062 – Kulturkampf um den Heiligen Rock: Der frühe Kulturkampf des 19. Jahrhunderts als Vorgeschichte des katholischen Selbstverständnisses, das später bei Lefebvre eine Rolle spielt.FG068 – Von Gottes Gnaden: Friedrich Wilhelm IV.: Die religiöse Romantik-Bewegung und der Kölner Dom.LiteraturZweites Vatikanisches Konzil: Lumen Gentium, Nostra Aetate (Konzilsdokumente, 1964/1965)Johannes XXIII.: Eröffnungsansprache Gaudet Mater Ecclesia (11. Oktober 1962)Marcel Lefebvre: Erklärung vom 21. November 1974 (Glaubensbekenntnis/„Declaration")Marcel Lefebvre: Ich klage das Konzil an (frz. J'accuse le Concile, 1976)Marcel Lefebvre: Offener Brief an die ratlosen Katholiken (frz. Lettre ouverte aux catholiques perplexes; dt. Ausgabe Mediatrix-Verlag, Wien 1986)Franz Schmidberger: Vortrag „Die Zeitbomben des Konzils" (1989)Alois Schifferle: Die Pius-Bruderschaft (Butzon & Bercker)Jan-Heiner Tück: Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft – eine Konfliktgeschichte (Herder)Kontakt und UnterstützungDir gefällt Flurfunk Geschichte? 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Folge vom 17.09.2026FG074 - Luigi Lucheni und die Anarchisten | Mit Johannes von Alle Zeit der WeltAm 10. September 1898 sticht ein junger italienischer Wanderarbeiter am Genfer Seeufer auf die österreichische Kaiserin Elisabeth ein – und ruft, als er von ihrem Tod erfährt, jubelnd: „Es lebe die Anarchie!“ Wir kümmern uns dieses Mal um Luigi Lucheni, und zwar mit Verstärkung: Johannes vom Podcast Alle Zeit der Welt bringt uns die großen Denker des Anarchismus näher – Pierre-Joseph Proudhon, Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin –, während wir uns fragen, wie viel von Luchenis eigener Erzählung überhaupt stimmt. Er selbst hat immer beteuert, ganz allein und aus reiner Überzeugung gehandelt zu haben. Doch schon sein Verhörprotokoll steckt voller kleiner Widersprüche: Woher wusste ein Tagelöhner, der die Kaiserin nie mit eigenen Augen gesehen haben will, eigentlich, wie sie aussieht? Und was hat es mit dem Telegramm auf sich, das ganz andere Hintermänner vermuten lässt? Wir gehen der Frage nach, ob Lucheni wirklich der einsame Einzeltäter war, als der er in die Geschichte eingegangen ist – oder ob da noch mehr dahintersteckt.Das Attentat am Genfer SeeuferKaiserin Elisabeth reist im September 1898 unter dem Titel Gräfin von Hohenems inkognito zur Kur an den Genfersee, begleitet nur von ihrer Hofdame Irma Staray. Am 10. September wollen die beiden mit dem Dampfer nach Territet übersetzen, als ein Mann auf sie zustürzt. Elisabeth geht zu Boden, erhebt sich aber scheinbar unverletzt wieder und besteigt noch das Schiff – erst dort bricht sie endgültig zusammen. Wir lesen aus dem Bericht der Irma Staray vor, wie sie erst auf dem Deck die kleine, kaum blutende Stichwunde entdeckt und begreift, dass die Kaiserin erstochen wurde. Der Täter, sofort von Passanten gestellt, ist zu diesem Zeitpunkt bereits verhaftet: Luigi Lucheni. Ihm wird zunächst nur versuchte Körperverletzung vorgeworfen, da niemand ahnt, wie schwer die Verletzung tatsächlich ist – bis die Meldung vom Tod der Kaiserin eintrifft und Lucheni seinen Erfolg bejubelt.Vom Waisenkind zum WanderarbeiterWer war dieser Mann? Lucheni wird 1873 unehelich in Paris geboren und von seiner Mutter zur Adoption freigegeben. Er wächst bei wechselnden Pflegefamilien in der Gegend um Parma auf, arbeitet schon als Kind, unter anderem als Gärtner, Steinmetzgehilfe und beim Eisenbahnbau. Seine Jugend fällt in die Zeit der großen italienischen Arbeitsmigration in die Schweiz: Nach dem Risorgimento bleibt Süditalien wirtschaftlich weit hinter dem Norden zurück, während in der Schweiz durch den Ausbau der Eisenbahn – etwa die Gotthardbahn – Arbeit für italienische Wanderarbeiter entsteht. Im Tessin trifft Lucheni auf eine große italienischsprachige Community, zu der auch politische Emigranten gehören: Republikaner, die der Königsherrschaft in Italien entkommen wollten, und eben auch Anhänger des Anarchismus. Diese Kreise sind es, auf die sich Lucheni später im Verhör beruft – auch wenn er betont, allein gehandelt zu haben.Drei Denker, eine Idee: Proudhon, Bakunin und KropotkinBevor es an die Auswertung des Verhörs geht, ordnet Johannes ein, wovon Lucheni eigentlich spricht, wenn er sich Anarchist nennt. Er stellt drei zentrale Theoretiker des 19. Jahrhunderts vor:Proudhon, Sohn eines Küfers aus Besançon, ist der Erste, der sich selbst als Anarchist bezeichnet, und prägt mit „Qu'est-ce que la propriété?“ den Satz „Eigentum ist Diebstahl“ – wobei er zwischen legitimem Besitz (was man selbst nutzt) und illegitimem Eigentum (was man andere für die Nutzung bezahlen lässt) unterscheidet. Seine Fehde mit Marx, der ihn öffentlich abkanzelt, beendet eine zunächst freundschaftliche Beziehung.Bakunin, russischer Landadliger, kämpft auf den Barrikaden von 1848/49, wird nach Sibirien verbannt, flieht über Japan und die USA nach London und liefert sich Zeit seines Lebens einen Machtkampf mit Marx um die Ausrichtung der Ersten Internationalen – den er beim Haager Kongress 1872 verliert. Sein Name ist untrennbar mit der zwielichtigen Nechayev-Affäre verbunden, bei der ein junger Anhänger im Namen der Sache einen Mord begeht.Kropotkin, Fürst aus dem Geschlecht der Rurikiden, entwickelt mit „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ eine wissenschaftliche Gegenposition zum Sozialdarwinismus: Nicht Konkurrenz, sondern Kooperation sei der entscheidende evolutionäre Faktor – und entsprechend sei eine herrschaftsfreie Gesellschaft keine Utopie gegen die menschliche Natur, sondern ihre Entfaltung.Alle drei, das wird deutlich, haben sich nie zu Attentaten wie dem auf Kaiserin Elisabeth bekannt – die „Propaganda der Tat“ entwickelt sich eher am Rand der Bewegung, getragen von den eigenen frustrierten Anhängern.War Lucheni ein Einzeltäter?Der Kern der Folge ist die Frage, ob Lucheni tatsächlich allein gehandelt hat, wie es die gängige Erzählung will. Anhaltspunkte, die daran zweifeln lassen, liefert unter anderem die Historikerin Anna Maria Sigmund: Luchenis Aussagen zur Tatwaffe ändern sich zwischen den Verhören mehrfach, ebenso seine Angaben dazu, wann und wo er sie gekauft hat. Er behauptet, die Kaiserin habe er vier Jahre zuvor in Budapest gesehen – nachweislich zu einem Zeitpunkt, an dem er selbst seinen Militärdienst ableistete und die Kaiserin gar nicht in Budapest war. Und obwohl Elisabeth streng inkognito reist, weiß Lucheni ganz genau, wie sie aussieht, obwohl seine eigenen Quellen dafür nicht ausreichen. Die österreichische Gesandtschaft in Bern telegrafiert im September 1898 nach Wien, man sei einem Komplott auf der Spur, das in London angezettelt und über Zürich nach Genf getragen worden sei – mit dem anarchistischen Publizisten Giuseppe Ciancabilla als möglichem Drahtzieher. Vieles spricht dafür, dass Lucheni mit seiner Version vor allem Mitwisser wie seinen Bekannten Martinelli schützen wollte.Die anarchistische Bewegung positioniert sichWie reagiert die anarchistische Szene selbst auf die Tat? Giuseppe Ciancabilla, Herausgeber der italienischsprachigen Zeitung „L'Agitatore“, verteidigt Lucheni schon eine Woche nach dem Attentat öffentlich: Es gehe nicht um die Kaiserin als Individuum, sondern als Vertreterin einer herrschenden Klasse, die für Massaker wie die brutale Niederschlagung der Mailänder Brotproteste durch General Bava Beccaris mitverantwortlich sei. Wenige Monate später, aus dem US-amerikanischen Exil, äußert sich Ciancabilla differenzierter: Persönlich habe ihm die Tat nicht gefallen, weil sie der anarchistischen Bewegung in der Schweiz massive Repression eingebracht habe – ihre Berechtigung als Ausdruck kollektiver Rebellion spricht er ihr trotzdem nicht ab. Die Debatte erinnert nicht zufällig an spätere Diskussionen über politische Gewalt, etwa um die RAF in den 1970er-Jahren.Verurteilung, Tod und NachlebenDa in Genf die Todesstrafe abgeschafft ist, bekommt Lucheni nicht die Hinrichtung, die er sich gewünscht hatte, sondern lebenslange Haft in strenger Einzelhaft. Zwölf Jahre später, 1910, erhängt er sich in seiner Zelle. Sein Kopf wird zunächst „zur wissenschaftlichen Untersuchung“ aufbewahrt – man erhofft sich phrenologische Beweise für seine vermeintlich kriminelle Veranlagung, findet aber nichts. Das Gehirn wandert noch Jahrzehnte später zwischen Genf und Wien hin und her, bevor es im Jahr 2000 endlich auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt wird. Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick auf die Rezeption der Tat in Film und Musical – vom Kinofilm „Sisi & Ich“ bis zum Musical „Elisabeth“ –, wo Lucheni oft zum bloßen Werkzeug einer Erlösungsgeschichte der Kaiserin verkleinert wird, was wir mit Blick auf seine tatsächlichen politischen Beweggründe für verkürzt halten.Kaiserin Elisabeth von Österreich (Sisi) | Opfer des AttentatsLuigi Lucheni | AttentäterIrma Sztáray | Hofdame und Augenzeugin des AttentatsPierre-Joseph Proudhon | Erster selbsternannter Anarchist, „Eigentum ist Diebstahl“Michail Bakunin | Anarchistischer Theoretiker, Rivale von MarxPjotr Kropotkin | Anarchistischer Theoretiker, „Gegenseitige Hilfe“Giuseppe Ciancabilla | Anarchistischer Publizist, kommentierte die TatAnna Maria Sigmund | Historikerin, zweifelt an der Einzeltäter-TheseAnarchismus | Politische Theorie, zentrales Thema der FolgeRisorgimento | Italienische Einigungsbewegung, Hintergrund von Luchenis MigrationVerwandte FolgenFG009 – Sisi: misslungene Jahre einer Kaiserin und FG016 – Sisi: Die untote Kaiserin: Wer mehr über Elisabeths Leben vor Genf erfahren möchte, findet hier die Vorgeschichte – wir selbst hatten das Thema Sisi eigentlich schon abgehakt und kommen in dieser Folge nur noch einmal darauf zurück, weil es hier um ihren Tod geht.Unser Gastauftritt bei Johannes im Podcast Alle Zeit der Welt über Hexen und antike Magie und Hexenprozesse und die Rolle der Inquisition.LiteraturAnna Maria Sigmund: Tatort Genfer See. Kaiserin Elisabeth im Fadenkreuz der Anarchisten. Molden Verlag, Wien 2020, ISBN 978-3-222-15053-1.Ob mit Dolch, Feile. Textsammlung zur Ermordung der Kaiserin Sissi durch den Anarchisten Luigi Lucheni. roofdruk edities & unruhen publikationen, Amsterdam 2013 – deutsche Übersetzung der Verhörprotokolle Luchenis, ursprünglich erschienen als Come e perché ho ucciso la principessa Sissi, Edizioni Anarchismo Nr. 20, 2009.Pierre-Joseph Proudhon: Qu'est-ce que la propriété? Paris 1840.Pierre-Joseph Proudhon: Système des contradictions économiques, ou Philosophie de la misère. Paris 1846.Karl Marx: Misère de la philosophie. Réponse à la Philosophie de la misère de M. Proudhon. Paris/Brüssel 1847.Michail Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie. 1873.Michail Bakunin: Gott und der Staat. Postum veröffentlicht 1882.Pjotr Kropotkin: Die Eroberung des Brotes. London 1892.Pjotr Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. London 1902.Sisi und der Anarchist – Das Attentat auf die Kaiserin. Dokumentation, Spiegel Geschichte, 2018 (Regie/Recherche: Anna Maria Sigmund).Kontakt und UnterstützungDir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. Du kannst uns über ko-fi unterstützen: https://ko-fi.com/flurfunkgeschichteOder auch regelmäßig durch eine Mitgliedschaft auf Steady: https://steady.page/de/flurfunk-geschichteFür deine regelmäßige Unterstützung bedanken wir uns mit einer Bonus-Folge "Nachklapp" zum Thema der aktuellen Folge.Wir freuen uns über Kommentare und Fragen an kontakt@flurfunk-geschichte.deFlurfunk Geschichte liefert Euch weitere Hintergrundinfos bei Facebook, Instagram und threads. Solveigs Video-Essays findet ihr auf unserem YouTube-Kanal.Weiterer PodcastWillst du noch mehr von uns hören? Dann folge den Ereignissen und Debatten in der ersten deutschen Nationalversammlung bei Flurfunk Paulskirche: https://flurfunk-paulskirche.letscast.fm
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Folge vom 03.09.2026FG073 - Frauen mit Sprengkraft | Mit Bianca Walther (Frauen von damals)Wir unterbrechen unser Themenjahr der MÄNNER mit Sprengkraft, denn Solveig hat sich noch einmal Verstärkung geholt: Zu Gast ist Bianca Walther, die seit 2020 den Podcast Frauen von damals macht und im April ihr Buch Die Vorkämpferinnen. Wie aus vielen Frauen eine Bewegung wurde veröffentlicht hat. Im Zentrum der Folge stehen zwei Frauen aus dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung: Minna Cauer und Alice Salomon. Dazwischen geraten wir – ungeplant – noch einmal ausführlich in eine Debatte über Helene Stöcker und am Ende in eine Auseinandersetzung mit dem Mythos Clara Zetkin.Minna Cauer und der Verein FrauenwohlMit 77 Jahren gibt Minna Cauer bei den ersten Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung erstmals ihre Stimme ab und notiert in ihrem Tagebuch, sie habe „einen Dankbarkeitszettel eingeworfen" – als „Republikanerin", nicht aus Dankbarkeit für ein Geschenk. Dass ausgerechnet eine Frau, die das Wahlrecht selbst mit erkämpft hat, so formuliert, erklärt Bianca vor allem mit Cauers starker protestantischer Prägung als Pastorentochter: Gemeint ist wohl eher der Schöpfer als eine männliche Wohltat.Zur Frauenbewegung fand Cauer erst spät. Ihr erster Mann kehrte traumatisiert aus dem Krieg von 1864 zurück und starb, ihr gemeinsames Kind war da bereits an Diphtherie gestorben. Erst nach dem Tod ihres zweiten Mannes, des Schulrats Eduard Cauer, fand sie in dessen Tagebuch den Satz, das Leben der Frauen müsse „erforscht und in einen geschichtlichen Zusammenhang gestellt werden" – „die Aufgabe eines ganzen Menschenlebens". Als eine Herrengruppe der Deutschen Akademischen Vereinigung nach einer Frau für eine Damensektion suchte, kam man auf die Witwe Cauer zu, und sie ließ sich, nach eigener, leicht kokettierender Darstellung, „breitschlagen". Aus dieser Gruppe entstand 1888/89 der Verein Frauenwohl, den sie bis 1919 als „Kapitänin" führte.Im Verein selbst gab es reichlich Streit über die Ausrichtung: praktische Bildungs- und Unterstützungsarbeit wie bei anderen Vereinen – oder, wie Cauer es sah, die Rolle eines „Impulsgebers", der andere Initiativen vernetzt und fördert, statt alles selbst zu machen? Aus diesem Streit erwuchs später der Verband fortschrittlicher Frauenvereine, der Dachverband des radikalen Flügels.Was war eigentlich „radikal"?Zeitgenössisch wurde der Begriff sowohl als Fremd- als auch als Selbstzuschreibung verwendet, etwa von Anita Augspurg. Die Beteiligten selbst sprachen lieber vom „linken Flügel" oder von den „Progressiven". Käthe Schirrmacher, die zunächst selbst zu den Radikalen zählte, brachte den Unterschied zu den Gemäßigten um Helene Lange und Gertrud Bäumer einmal musikalisch auf den Punkt: „Andante" gegen „Allegro" – weniger eine Grundsatz- als eine Tempofrage. Der radikale Flügel war klein genug, um dynamisch zu agieren, während sich der auf Konsens ausgerichtete Bund Deutscher Frauenvereine eher wie ein Tanker bewegte. So konnten Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann und Minna Cauer um 1900 einfach den ersten deutschen Frauenstimmrechtsverein gründen, ohne erst eine breite Mehrheit organisieren zu müssen.Helene Stöcker und der GenerationenkonfliktÜber Helene Stöcker wollten wir eigentlich gar nicht sprechen – sind aber hängengeblieben, weil sie sich als Musterfall für eine grundsätzliche Schwierigkeit anbietet: den Drang, historische Personen zu Idealfiguren zu machen, die sie nie waren. Stöcker setzte sich mit Magnus Hirschfeld für die Abschaffung des § 175 und für freie Liebe ein, war aber gleichzeitig von eugenischem Denken überzeugt – wenn auch strikt freiwillig und gegen Zwangssterilisation gerichtet. Ihre Zeitschrift nannte sie bewusst Die neue Generation, ein programmatischer Titel, mit dem sie sich von der älteren Frauenbewegung absetzte, ohne deren Kämpfe immer angemessen zu würdigen. Als NS-Verfolgte floh sie später nach New York und starb dort verarmt. Genau dieser Widerspruch macht sie zum Lehrstück: kein Freibrief zur nachträglichen Verdammung, sondern eine Mahnung, die eigenen blinden Flecken zu prüfen, bevor sie irgendwann von anderen instrumentalisiert werden.Alice Salomon und die Soziale FrauenschuleZweite große Figur der Folge ist Alice Salomon – für Bianca, müsste sie sich eine Lieblingsfrauenrechtlerin aussuchen, wäre es diese. 1872 geboren, kam Salomon über die Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit zur sozialen Arbeit, dieselben Gruppen, die auch Cauer unterstützt hatte. Unter dem Einfluss ihrer Mentorin Jeannette Schwerin wurde ihr früh klar, dass diese Arbeit professionalisiert und bezahlt werden musste. 1908 gründete sie die Soziale Frauenschule, aus der später die heutige Alice-Salomon-Hochschule wurde.Die Gründung fällt in das Jahr der preußischen Mädchenschulreform, die Frauen zwar formal den Zugang zur Universität öffnete, aber – typisch Preußen – kein vollwertiges Mädchengymnasium einrichtete, sondern nur ein verlängertes „Lyzeum" ohne Abitur. Aus diesem halbgaren Kompromiss machte Salomon eine professionelle, berufsvorbereitende soziale Ausbildung mit gesellschaftspolitischem Anspruch, die auch bürgerlichen Hausfrauen ein Bewusstsein für Herstellungsbedingungen und Konsum vermitteln sollte – ein Thema, das erstaunlich aktuell klingt.1937 wurde Salomon aus Deutschland vertrieben – offiziell nicht primär wegen ihrer jüdischen Herkunft, sondern wegen ihrer internationalen, pazifistischen Kontakte. Zwischen ihrer letzten Vortragsreise in die USA und ihrer Ankunft dort als Geflüchtete liegen nur wenige Monate, aber Welten: Ihr internationales Renommee zählte als „Refugee" plötzlich nichts mehr, einen festen Job hat sie in den USA nie wieder gefunden. Erst in den 1980er-Jahren, mit dem Aufbau des Alice-Salomon-Archivs durch Adriane Feustel, wurde ihr Wirken wieder aufgearbeitet; ihr Doktortitel wurde erst 1997 offiziell wieder anerkannt.Bürgerlich gegen proletarisch – und der Mythos Clara ZetkinAuf Social Media werden bürgerliche und proletarische Frauenbewegung gern gegeneinander ausgespielt, die „guten" Sozialistinnen gegen die „bösen" Bürgerlichen – ein Muster, das aktuelle feministische Debatten auf eine ganz andere historische Konstellation überträgt. Bianca betont: Clara Zetkin initiierte den Internationalen Frauentag nicht allein. Der Impuls kam von der jüdisch-ukrainischstämmigen amerikanischen Gewerkschafterin Theresa Serber Malkiel, die 1909 in New York den ersten National Woman's Day organisierte. Zetkin brachte den Vorschlag erst 1910 in Kopenhagen ein – mit ihrem Namen verlieh sie dem Antrag Gewicht, initiiert hat sie ihn nicht.Auch Zetkins spätere politische Entwicklung zeichnen Bianca und Solveig nach: ihre Nähe zu Moskau trotz eigener Zweifel an Stalin, ihre Ablehnung der Weimarer Demokratie zugunsten eines „Sowjetdeutschlands", ihre scharfe Kritik an Genossinnen, die ihr nicht „theoretisch genug geschult" erschienen. In der DDR wurde sie später vor allem als Unterstützerin der Roten Hilfe gefeiert, als Frauenrechtlerin erst spät und zögerlich – ein Befund, der zu denken gibt.Gleichzeitig gab es durchaus Zusammenarbeit über die Lagergrenzen hinweg – bei der Heimarbeit, beim Familienrecht des BGB, am Ende auch beim Stimmrecht. Und es gab auch innerhalb der bürgerlichen Bewegung Frauen wie Margarete Friedenthal, die ihre eigenen Standesgenossinnen scharf für bevormundende Wohltätigkeit kritisierten, wenn diese an den betroffenen Arbeiterinnen vorbei handelten. Am Ende bleibt der Wunsch, die Geschichte der Frauenbewegung(en) nicht auf heutige Lagerkämpfe zu projizieren, sondern die tatsächlichen Schulterschlüsse sichtbar zu machen – gerade weil sie so wenig selbstverständlich waren.Minna Cauer | Gründerin des Vereins Frauenwohl, radikaler Flügel der FrauenbewegungAlice Salomon | Gründerin der Sozialen Frauenschule, Pionierin der sozialen Arbeit als BerufHelene Stöcker | Radikale Frauenrechtlerin, Mutterschutzbewegung, freie LiebeClara Zetkin | Sozialistische Frauenrechtlerin, Mitinitiatorin des Internationalen FrauentagsAnita Augspurg | Mitgründerin des ersten deutschen FrauenstimmrechtsvereinsLida Gustava Heymann | Lebensgefährtin Augspurgs, radikale FrauenrechtlerinHelene Lange | Galionsfigur der gemäßigten FrauenbewegungKäthe Schirrmacher | Frauenrechtlerin zwischen radikal und gemäßigtLuise Otto-Peters | Mitgründerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865Theresa Serber Malkiel | US-Gewerkschafterin, Initiatorin des ersten National Woman's Day 1909Marianne Hapig & Marianne Pünder | Katholische Widerstandskämpferinnen im NS, „die beiden Mariannen"Ellen Ammann | Katholische Frauenbewegung Bayern, beantragte 1923 Hitlers AusweisungFriedrich III. & Victoria (Kaiserin) | Kurzzeitiges Kaiserpaar 1888, Hoffnungsträger der LiberalenVerwandte FolgenFP08 – Louise Otto auf der Damengalerie (Flurfunk Paulskirche) — Diese Folge zeigt, wie Frauen die Debatten der Nationalversammlung von der Damengalerie aus verfolgten, und stellt mit Louise Otto die prominenteste Streiterin für politische Teilhabe von Frauen vor.FG032 – Bürgerliche Frauenbewegung — Erster Teil unseres Dreiteilers zur Frauenbewegung im 19. Jahrhundert: der Kampf der bürgerlichen Frauen um Bildung.FG033 – Proletarische Frauenbewegung — Zweiter Teil: die Arbeiterinnenbewegung um Clara Zetkin und ihr Verhältnis zu den bürgerlichen Frauenvereinen.FG034 – Radikale Frauenbewegung (Link nach Namensmuster ergänzt, bitte vor Veröffentlichung gegenprüfen) — Dritter Teil: der radikale Flügel um Minna Cauer und Anita Augspurg, der direkte thematische Unterbau dieser Folge.FG020 – Die Farbe Lila — Für alle, die tiefer in die Geschichte feministischer und queerer Farbsymbolik einsteigen möchten, unter anderem mit Bezug zu Magnus Hirschfeld, der auch in dieser Folge im Exkurs zu Helene Stöcker eine Rolle spielt.Bianca Walther: Die Vorkämpferinnen. Wie aus vielen Frauen eine Bewegung wurde. S. Fischer Verlag, 2026,368 Seiten, ISBN 978-3-10-397752-3.Kontakt und UnterstützungDir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. 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Folge vom 20.08.2026FG072 - Friedrich Barbarossa - Der Kaiser, der knieteEin Kaiser kniet vor seinem Vasallen, fleht ihn an – und wird trotzdem abgewiesen. Diese Szene aus dem Jahr 1176 gilt spätestens seit dem 19. Jahrhundert als eine der großen Demütigungen der deutschen Geschichte. Guido Knopp nannte sie 2008 „eines der spektakulärsten Ereignisse der Weltgeschichte". Doch genau diese Wahrnehmung – wer sich hier eigentlich blamiert hat – ist der Ausgangspunkt der Folge: Solveig nimmt den sogenannten Kniefall von Chiavenna zum Anlass, ganz grundsätzlich zu fragen, was im Hochmittelalter überhaupt als männlich, ehrenhaft und herrschertauglich galt. Ihre These: Nicht Barbarossas Kniefall war die eigentliche Schande, sondern dass sein Cousin Heinrich der Löwe sich weigerte, Erbarmen zu zeigen. Wer hier also wirklich gedemütigt wurde, hängt ganz davon ab, mit welchem Männlichkeitsbild man an die Quelle herangeht – und das des 19. Jahrhunderts unterscheidet sich fundamental von dem des zwölften.Der Kniefall von Chiavenna1176 bittet Friedrich I. Barbarossa seinen Cousin Heinrich den Löwen in Chiavenna um Waffenhilfe gegen den Lombardischen Städtebund – und Heinrich sagt Nein. Wir vergleichen zwei Chroniken aus etwa derselben Zeit: Otto von St. Blasien erzählt nur von einem Streit und Heinrichs Abreise, kein Kniefall. Erst Arnold von Lübeck, rund 30 Jahre nach dem Ereignis, liefert die dramatische Eskalationsstufen-Erzählung: erst Schmeichelei, dann die Erinnerung an geschworene Eide, dann die Bitte als Freund, als Verwandter, als König – und am Ende der Fußfall des Kaisers, den Heinrich unbeeindruckt lässt. Solveig liest das nicht als verlässlichen Tatsachenbericht, sondern als literarisch komponierte Fallgeschichte über Heinrichs Hochmut, geschrieben mit dem Wissen, wie dessen Karriere endet.Zwei Cousins, ein DoppelherzogtumUm zu verstehen, worum es in Chiavenna wirklich ging, blicken wir zurück auf die verwickelten Familienverhältnisse der Staufer und Welfen: Barbarossas Mutter Judith und Heinrichs Vater Heinrich der Stolze sind Geschwister, und der Streit ums Doppelherzogtum Sachsen-Bayern zieht sich durch eine ganze Generation, bis Barbarossa 1152 seine Wahl mit dem Versprechen absichert, Heinrich beide Herzogtümer zu geben. Wir folgen den beiden Cousins durch Jahrzehnte gemeinsamer Italienpolitik, durch das Kirchenschisma zwischen Alexander III. und Viktor IV., die verheerende Seuchen-Katastrophe vor Rom 1167 und schließlich zur Schlacht bei Legnano 1176, in der das kaiserliche Heer ohne Heinrichs Unterstützung vernichtend geschlagen wird.Der Sturz Heinrichs des LöwenWas danach kommt, erzählen wir chronologisch nach: Heinrichs wiederholtes Fernbleiben vom Hoftag, seine Ächtung 1180, das Exil bei seinem Schwager Heinrich II. von England und sein Feilschen mit Barbarossa um eine mögliche Rückkehr – lieber ein Teil der Herrschaft sofort oder alles später, wenn er mit auf Kreuzzug zieht? Heinrich entscheidet sich für Nein und England, bis hin zum Tod beider Männer und dem Streit um Philipp von Schwaben und Otto IV., der die nächste Generation prägt.Der vermeintliche staufisch-welfische GegensatzEin eigenes Kapitel widmen wir der Frage, wie aus dieser sehr persönlichen Fehde zweier Cousins im 19. Jahrhundert der große „staufisch-welfische Gegensatz" wurde – eine nationalistische Projektion, die mit dem tatsächlichen Guelfen-und-Ghibellinen-Konflikt in Italien nicht das Geringste zu tun hat, aber bis in die Selbstinszenierung des Kaiserreichs als Gegensatz zwischen Preußen (den „neuen Staufern") und dem Haus Hannover (den Welfen) fortwirkt. Daniel erinnert dabei an die Kaiserdeputation von 1849, die in Braunschweig Abbitte für Heinrichs „Verrat" leistete.Der maskuline Mann des MittelaltersDen größten Teil der Folge verwendet Solveig darauf, ihre eingangs aufgeworfene These zu belegen: Das mittelalterliche Männlichkeitsideal des Hochadels war nicht Härte und Unnachgiebigkeit, sondern Demut, Güte, Mäßigung und Milde. Mit Belegen aus dem Nibelungenlied (die Szene um Rüdiger von Bechelaren), einer Ritterschlag-Beschreibung voller Seide und Freigiebigkeit und einem herrlich schlecht gelaunten Text von Bernhard von Clairvaux über eitle, hübsch gemachte Ritter zeichnet sie nach, wie unser heutiges Bild vom „harten" mittelalterlichen Mann eher eine Erfindung der Aufklärung und des 19. Jahrhunderts ist – bei Historiker Knut Görich widerspricht sie dabei in einem Punkt ausdrücklich. Daniel bleibt trotz aller Argumente treu auf der Seite von Heinrich dem Löwen.Friedrich I. Barbarossa | Römisch-deutscher Kaiser ab 1155, Protagonist der Kniefall-EpisodeHeinrich der Löwe | Cousin Barbarossas, Herzog von Sachsen und BayernArnold von Lübeck | Chronist, einzige Quelle für den Kniefall (um 1210)Lombardischer Städtebund | Bündnis norditalienischer Städte gegen Barbarossas HerrschaftsanspruchSchlacht bei Legnano | Vernichtende Niederlage des Kaiserheeres 1176Guelfen und Ghibellinen | Italienischer Parteienkonflikt, oft fälschlich mit Staufern/Welfen gleichgesetztBernhard von Clairvaux | Zisterzienser-Abt, Kritiker höfischer RitterschaftKnut Görich | Mediävist, führender Barbarossa-ForscherVerwandte FolgenFG011 – Oh, wie schön ist Goslar: Erster Auftritt Barbarossas bei uns, samt Streit um die Bergstadt GoslarFG014 – Inquisition | Ketzer sind Vegetarier! und FG015 – Inquisition | Sie meinen es doch gut!: Mehr zu Bernard Gui und Innozenz III., für alle, die nach der Post-Erwähnung neugierig geworden sindFG025 – Sizilien | Herrschaft des Antichrist und FG026 – Sizilien | Das staufische Natterngeschlecht: Der tatsächliche Guelfen-Ghibellinen-Konflikt in ItalienFG028 – Nibelungen | Das Kriemhild-Lied und FG029 – Nibelungen | Treu in den Untergang: Rüdiger von Bechelaren und die Frage, wann ein Kniefall verpflichtetFG052 – Konklave – Machtkampf und Heiliger Geist: Mehr zum Papstwahldekret und schismatischen WahlenLiteratur (in der Folge genannt)Alice Hesselmeier: Hilfsbuch für den Geschichtsunterricht an den unteren und mittleren Klassen der Gelehrten- und Realschulen und verwandten Lehranstalten Württembergs, 1897Otto von St. Blasien: ChronikArnold von Lübeck: Chronik (entstanden um 1210)Albert von Stade: ChronikBurchard von Ursberg: ChronikDas Nibelungenlied, 37. AventiureLambert von Ardres: Historia comitum Ghisnensium (Geschichte der Grafen von Guînes)Jean de Marmoutier: Historia Gaufredi ducis Normannorum et comitis Andegavorum (Geschichte Gottfrieds, Herzog der Normannen und Graf von Anjou)Bernhard von Clairvaux: De laude novae militiae (Lob der neuen Ritterschaft)Knut Görich: Jäger des Löwen oder Getriebener des Fürsten? Friedrich Barbarossa und die Entmachtung Heinrichs des Löwen, in: Staufer & Welfen. Zwei rivalisierende Dynastien im Hochmittelalter, hg. v. Werner Hechberger und Florian Schuller, Regensburg 2009, S. 98–117; sowie Tagungsband 2024 zu Herrschaft und Nichtentscheiden bei BarbarossaGerd Althoff: Spielregeln der Politik im Mittelalter, 1997Kontakt und UnterstützungDir gefällt Flurfunk Geschichte? Wir freuen uns über eine nette Bewertung oder eine Nachricht von dir. 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