Die Idee zu dieser Episode ist mir gekommen, als mir ein altes Buch von Bertrand Russell in die Hände gefallen ist: Marriage and Morals. Ein heute (wie sich herausstellen wird zum Glück) recht unbekanntes Werk von ihm.
Bertrand Russell war ein Philosoph, Logiker und public intellectual, den ich sehr schätze. Er ist 1872 geboren und 1970 gestorben, war einer der führenden Wissenschafter, Philosophen und Intellektuellen seiner Zeit. Ein Mensch, der in seinen Handlungen über seine Lebenszeit offensichtlich versucht hat die Gesellschaft in eine positive Richtung weiterzuentwickeln.
Er befürwortete früh im 20. Jahrhundert das Frauenwahlrecht, wurde zweimal für seine Friedensbemühungen inhaftiert, war Atheist und unterstützte linke Ideen, obwohl er selbst einem alten Adelsgeschlecht entstammte.
Viele seiner Bücher sind bis heute – aus gutem Grund – gerne gelesen.
So ist die Auseinandersetzung (für mich) mit Marriage and Morals alles andere als einfach. In dieser Episode beschränkte ich mich auf ein Kapitel aus diesem Buch, das sich mit Eugenik beschäftigt. Unter Eugenik versteht man im weiten Sinne die Anwendung technischer oder politische Mittel oder Maßnahmen, mit dem Ziel, die Anteil vermeintlich positiver Erbanlagen in der Bevölkerung zu verbessern. Im Deutschen ist ein Begriff der NS-Zeit, die sogenannte Rassenhygiene, sehr eng damit verwandt.
Russell äußert in diesem Kapitel Ansichten, die – wie in der Episode diskutiert wird – mit einem heutigen Blick auf die Welt in keiner Weise mehr vereinbar sind.
Gerade darum war diese Auseinandersetzung für mich so lehrreich: Wie kann es sein, dass einer der führenden Intellektuellen seiner Zeit auf solche gedanklichen Abwege kommt? Was bedeutet dies über die Dinge die ich oder andere Menschen in der heutigen Zeit vertreten?
Russel war nicht der erste und wird nicht der letzte Intellektuelle bleiben, der sich in einem Thema verirrt. So schreibt etwa Karl Popper über Platon:
»Er war ein großer Philosoph. Er hat die Philosophie begründet und hat viele großartige Ideen gehabt. Aber ich habe versucht zu zeigen, daß ein großer Philosoph auch sehr schlimme Dinge vertreten kann. In einer Zeit, die eine Aufklärungszeit war, in der andere Denker gegen die Sklaverei waren, schrieb Platon wie ein arroganter Sklavenhalter und trat für die Sklaverei ein.«
Zunächst versuche ich in dieser Episode einen Schritt zurück zu machen und den Kontext der Zeit, das Verständnis von Eugenik kurz darzustellen. Menschen sind immer auch Kinder ihrer Zeit – welche Rolle spielt das in ihrem Denken? Dann kehren wir zu Russel und auch in die heutige Zeit zurück: Wie sollen wir Menschen der Vergangenheit beurteilen? Menschen, mit denen wir heute (intellektuelle oder politische) Konflikte haben? Dürfen wir Menschen verurteilen, die sich »Ausrutscher« erlaubt haben? Unter welchen Umständen?
»Wer Eindeutigkeit erstrebt, wird darauf beharren, dass es stets nur eine einzige Wahrheit geben kann und dass diese Wahrheit auch eindeutig erkennbar ist.«, Thomas Bauer
Ich denke, dass wir wesentlich mehr intellektuelle Bescheidenheit fordern müssen, sowohl in dem was wir behaupten, aber auch in dem was wir kritisieren.
Dies ist eine für mich schwierig zu verdauende Folge. Ich hoffe, es ist mir gelungen diesen Themenbereich angemessen zu diskutieren. Ich freue mich daher gerade bei dieser Episode ganz besonders auf Feedback und Kritik.
»Wir dürfen nie vorgeben zu wissen, und dürfen nie große Worte gebrauchen«, Karl Popper
Referenzen
Bertrand Russel
Bertrand Russell: Biographie in der Encyclopedia Britannica
Bertrand Russell in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Das Russell-Einstein Manifest
Bücher von Bertrand Russel
Eroberung des Glücks: Neue Wege zu einer besseren Lebensgestaltung
Lob des Müßiggangs
Warum ich kein Christ bin
Philosophie des Abendlandes
Marriage and Morals, H. Liverlight (1929)
fachliche Referenzen
Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre, dtv (2016)
Richard David Precht, Sei du selbst, Goldmann (2019)
Karl Popper, Ich weiß, dass ich nichts weiß, und kaum das, Ullstein
Karl Popper, Auf der Suche nach einer besseren Welt, Piper (2009)
Thomas Bauer, Vereindeutigung der Welt, Reclam (2018)
Kultur & GesellschaftBildungWissenschaft & Technik
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Woher kommen wir, wo stehen wir und wie finden wir unsere Zukunft wieder?
Folgen von Zukunft Denken – Podcast
157 Folgen
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Folge vom 06.05.2021041 – Intellektuelle Bescheidenheit: Was wir von Bertrand Russel und der Eugenik lernen können
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Folge vom 14.04.2021040 – Software Nachhaltigkeit, ein Gespräch mit Philipp ReisingerIn Episode 31 habe ich mich mit Tom Konrad über die Rolle von Software in der modernen Gesellschaft ausgetauscht. Diese Episode hat zahlreiche Dinge angesprochen, aber auch noch viele Aspekte offen gelassen. Daher freue ich mich, dass Philipp Reisinger in dieser zweiten Episode in diesem Themenbereich zur Verfügung gestanden ist. Philipp ist bei SBA-Research Experte für organisatorische Informationssicherheitsberatung, hält Zertifizierungs-Vorbereitungs-Trainings und ist Lektor an der FH St. Pölten. Wir sprechen in dieser Episode über die Auswirkung von Software-Fehlern – warum sich die virtuelle Welt hier völlig anders verhält als die physische Welt. Wir führen dann den Begriff der Software-Nachhaltigkeit ein, und diskutieren die ungleiche Verteilung von Nutzen und Schaden wenn elementare Prinzipien der Nachhaltigkeit nicht erfüllt werden. Wir sprechen über zahlreiche negative Beispiele mangelnder Qualität und Nachhaltigkeit wesentlicher digitaler Infrastruktur, von Flugzeugabstürzen, digitaler Übernahme von Autos während der Fahrt, Manipulation von Wahlen durch Wahlcomputer und den massiven Hack von US-Infrastruktur (»Solar Winds«). XKCD: Voting Software Software und Digitalisierung sind heute Tagesthemen, aber auf welchen Prämissen beruht dieser Drang zur Digitalisierung aller Lebensbereiche? Wer gewinnt, wer verliert? Sollten wir Digitalisierung neu denken? Kann Lean Digitisation eine Alternative sein? Sollten wir bestimmte Lebensbereiche oder Industriefelder bewusst nicht Digitalisieren und analog betreiben? Werden wir angesichts des großen Ungleichgewichts zwischen einzelnen Großunternehmen, die von der Digitalisierung gewinnen und den Kosten, die vielfach die Gesellschaft trägt ohne signifikante Regulierung auskommen? Erste Schritte gibt es bereits mit der Datenschutzgrundverordnung sowie der NIS-Richtlinie. Aber welche Risiken sind mit Regulierung verbunden? Referenzen Philipp Reisinger Philipp Reisinger / SBA-Research Philipp Reisinger / FH-St. Pölten Andere Episoden Episode 19 und Episode 20: Offene Systeme: Gespräch mit Lukas Lang und Christoph Derndorfer Episode 24: Hangover: Was wir vom Internet erwartet und was wir bekommen haben – Gespräch mit Peter Purgathofer Episode 30: Techno-Optimismus – ein Gespräch mit Tim Pritlove Episode 31: Software in der modernen Gesellschaft – Gespräch mit Tom Konrad Episode 35: Innovation oder: Alle Existenz ist Wartung Fachliche Referenzen Security in the real and virtual world (Presentation by Philipp Reisinger) Boeing 737 Max MCAS Risiken Automatisierung im Flugverkehr Video Jeep Hack Artikel Jeep Hack Tesla Flotten Hack Langsames Patchen von Software Problemen am Beispiel Microsoft Exchange AWS Ausfall beeinträchtigt IOT 2017 AWS Ausfall beeinträchtigt IOT 2020 USA Gesetzesvorschlag analoge Steuerung Kraftwerke Solarwinds Hack und ökonomische Fehlanreize Information Security Economics und Informations Sammlung Google Building Secure & Reliable Systems Initial vs. Sustained Velocity Security in the real and virtual world Maersk Not Petya Angriff Missbrauch Aufzeichnung von Überwachungskameras durch Servicetechniker Geplante Obsolenz IOT Wahlcomputer Paper Ballot und Schneier Blog Wahlsoftware Schwachstelle Schweiz Navy baut Touchscreens wegen Unfallgefahr aus F-35 Touchscreen führt zu Fehleingaben Touchscreens als Sicherheitsrisiko im Auto Produkthaftung für Softwareschwachstellen Argumentation für mehr Regulierung bezüglich Software Sicherheit EU Richtlinie zur Wartung digitaler Güter (Update Pflicht) Akerlof Siprale Verdrängung guter/qualitativer Anbieter aus einem Markt The long shadow of innovation, or: Lean digitisation and the car
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Folge vom 22.03.2021039 – Follow the Science?»Science does not say you shouldn’t pee on high-voltage lines, it says urine is an excellent conductor.«, Axel Bojanowski, Twitter Header »Follow the science«, also »Folge der Wissenschaft« ist das Motto oder die Forderung vieler Umweltbewegungen aber auch zunehmend politischer Akteure. Was ist von dem Slogan zu halten? Was könnte falsch daran sein, den Erkenntnissen der Wissenschaft zu folgen? Bei genauerer Betrachtung stellt sich die Sache leider (wie so häufig) etwas komplexer dar. Diese Frage öffnet drei grundsätzliche Ebenen: In welchem Umfang können wir Wissenschaft und Erkenntnis vertrauen? Denn Follow the Science setzt natürlich hohe Ansprüche an die Qualität des Wissens. Gibt es in komplexen Systemen überhaupt eine klare Beschreibung von Problemen und Lösungen? Oder ist schon diese Betrachtung problematisch? Selbst wenn wir diese ersten beiden (schwerwiegenden) Aspekte einmal ignorieren, stellen wir fest, dass es dennoch sehr fundamentale Gründe gibt, warum follow the science in der naiven Form kaum haltbar ist. In dieser Episode geht es daher alleine um den dritten Aspekt. Die ersten beiden Aspekte wurden in anderen Episoden bereits diskutiert (s.u.). Anhand von vier Gedankenexperimenten wird die Problemlage deutlich gemacht: Welche Rolle spielt die Wissenschaft in der Entscheidungsfindung? Kann aus wissenschaftlicher Erkenntnis unmittelbar Aktivitäten abgeleitet werden? Wie ist das Zusammenspiel von ethischer Bewertung, gesellschaftlichen Werten und naturwissenschaftlicher Erkenntnis? In dieser Episode gilt ganz besonders: Teilen Sie Ihre Überlegungen mit mir! »Es gibt keine bedrohlichere und entwürdigendere Doktrin als die Vorstellung, dass wir die Verantwortung für die Entscheidungen unserer Gesellschaft irgendwie aus der Hand geben können, indem wir sie einigen wenigen, mit einem besonderen Zauber ausgestatteten Wissenschaftlern übertragen.«, Jacob Bronowski (1956) Referenzen Andere Episoden: (1) Welcher Erkenntnis können wir trauen Episode 13 und Episode 14: (Pseudo)wissenschaft? Welcher Aussage können wir trauen? Teil 1 & 2 Episode 11: Ethik, oder: Warum wir Wissenschaft nicht den Wissenschaftern überlassen sollten! Andere Episoden: (2) Probleme und Lösungen Episode 6: Messen was messbar ist – über die Idee aus Messbarkeit heraus die Welt zu begreifen Episode 10: Komplizierte Komplexität Episode 27: Wicked Problems Episode 25: Entscheiden unter Unsicherheit Episode 37: Probleme und Lösungen Fachliche Referenzen Margaret Heffernan, Uncharted: How to Map the Future. Simon & Schuster UK (2020) Roman Krznaric, The Good Ancestor, WH Allen; 1. Edition (2020) Peter Singer, Drowning Child Experiment Max Weber, Die »Objektivität« sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis (1904) Richard David Precht, Sei du selbst, Goldmann (2019) Jacob Bronowksi, Science and Human Values (1956)
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Folge vom 25.02.2021038 – Eliten, ein Gespräch mit Prof. Michael HartmannIn dieser Episode frage ich Prof. Michael Hartmann über die Rolle der Eliten in unserer Gesellschaft: wer sind die Machteliten, welche Rolle spielen sie für unsre Zukunft. Prof. Hartmann gilt als einer der führenden Soziologen und Elite-Forscher Deutschlands, geboren 1952 und seit einigen Jahren pensioniert. Er ist eher »zufällig« in die Elitenforschung gekommen: zunächst beschäftigte er sich mit Juristen, einer traditionell konservativen Berufsgruppe und stellt eine hohe Kohärenz in den dortigen Eliten fest. Er wechselte dann den Blick hin zu Informatikern – das war die jüngste und dynamischste Gruppe –, aber am Bild änderte sich nichts. Sein Interesse war geweckt und die systematische Elite-Forschung begann somit in den 1980er Jahren und streckt sich über die nächsten Jahrzehnte. Wir sprechen über den Begriff der Elite, der zunächst als Widerstand der Leistungs-Eliten gegen den Adel zu verstehen war und die dann wechselhafte Verwendung des Begriffes über das 20. Jahrhundert hinweg. Mit 2008 (und der Finanzkrise) spricht man in der Öffentlichkeit nicht mehr so gerne von »Eliten«, wenngleich sich an deren Einfluss wenig verändert hat. Wenn sich am Einfluss wenig verändert hat: ist Elite mit Demokratie vereinbar? Entscheidungen müssen ja in Gesellschaften und Unternehmen getroffen werden. Wie kann man das Selbstverständnis der Eliten beschreiben? Provokant gefragt: was spricht gegen Eliten, die sich aus sich selbst heraus rekrutieren? Wenn sie gut gebildet, erzogen und erfolgreich sind, ist das doch gut für alle – eine Theorie, die in den 1980er und 1990er Jahren auch als Trickle Down Effekt bezeichnet wurde. Interessant ist, dass die Jobs, die viel Geld verdienen und als Elite-Jobs gelten fast alle in die Kategorie von Bullshit Jobs (nach David Graeber) fallen, trifft dies zu? Oft wird beobachtet, dass sich Eliten untereinander am Habitus erkennen. Was ist der Unterschied im Habitus zwischen Bürgerkindern und den »unteren« Schichten? Trägt der Manager den Anzug oder der Anzug den Manager? Gelten die Führungspositionen in den Legacy-Medien auch als Elite? Welche Rolle spielen diese Medien in der Selektion, Stützung oder auch dem Sturz von Eliten? Welche Rolle spielt Introvertiertheit gegenüber Extrovertiertheit? (Der Name, der uns beiden in der Episode nicht eingefallen ist war natürlich Steve Wozniack, der Apple-Gründungspartner von Steve Jobs.) Interessant ist es auch, dass gesellschaftliche Ziele auch miteinander in Konflikt stehen können, so etwa das Bestreben eine höhere Chancengerechtigkeit für Frauen in Führungspositionen herzustellen gegenüber dem Ziel einer größeren Durchlässigkeit für untere gesellschaftliche Schichten. Weiters sprechen wir über Eliten und die immer genormteren Lebensläufe in der Wissenschaft und welche Rolle das für Forschung und Innovation bedeutet. In der Wissenschaft sind kosmopolitische Lebensläufe seit langem üblich, aber wie sieht es in der Wirtschaft und Politik aus? Oftmals wird ja die hohe internationale Konkurrenz als Grund für die Notwendigkeit extrem hoher Gehälter genannt. Wie sieht es in unterschiedlichen Sektoren aus? Wirtschaft, Politik, Verwaltung? Apropos Rechtfertigung hoher Gehälter: wie verhält es sich mit den vermeintlich großen persönlichen Risiken von Spitzenmanagern? Wo stehen wir heute und wie sieht die Situation in die Zukunft gedacht aus? Beschädigen die (aktuellen) Eliten die Demokratie und damit auch unsere Chancen für die Zukunft? Referenzen Andere Episoden Episode 28: Jochen Hörisch: Für eine (denk)anstössige Universität! Fachliche Referenzen Prof. Michael Hartmann am Institut für Soziologie der TU-Darmstadt Michael Hartmann, Die Abgehobenen: Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Campus (2018) David Graeber, Bullshit Jobs, Penguin (2019) Susan Cain, Quiet: The Power of Introverts in a World That Can't Stop Talking, Penguin (2012)